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Rolf nesch:
Auf Wiedersehen, hamburg

11.11.2018–10.03.2019

 

 

Zu dieser Ausstellung:

„Wir waren eine Kulturnation und werden es wieder sein!“

Diese Antwort Rolf Neschs von 1945 sagt viel darüber aus, was viele Menschen in Norwegen dachten, nachdem Nazideutschland an allen Fronten besiegt worden war. Das ganze Land lag in Ruinen.

Als deutscher Staatsbürger war Nesch selbst verdächtig, weshalb ihn die britische Besatzungsmacht auf dem Land gefangen hielt, wo er im Frühjahr 1945 selbst Zuflucht gesucht hatte. Dort spielte er mit dem Gedanken, nach Deutschland zurückzukehren und beim Wiederaufbau zu helfen. Doch seine norwegischen Freunde überredeten ihn zu bleiben. Auch war er in die Schauspielerin Ragnhild Hald verliebt. Später heirateten sie und er wurde norwegischer Staatsbürger. Er blieb also in Norwegen.

Seine Vorstellung von Deutschlands langem Weg zurück zu einer europäischen Kulturgemeinschaft war geprägt von dem, was man in Norwegen darüber sah und hörte. So ließ der Anblick der so genannten «Trümmerfrauen», die die Ruinen beseitigten, ihre Arbeit endlos erscheinen. Aber gleichzeitig  – und überall – standen die Vertreter der Kultur mit befreiter Kraft auf. 1945, mitten im  zerstörten Berlin, setzte ein junger Mann neue Fensterscheiben in ein ausgebombtes Bekleidungsgeschäft auf dem Kurfürstendamm 215 ein und eröffnete «mit frechem Optimismus» die neueste Galerie für moderne Kunst in der Stadt. In Hannover bauten die Bürger in einfacher  Form die «Kestnergesellschaft» wieder auf, den kulturellen Treffpunkt der Stadt. In ihren Räumlichkeiten erfreuten sie sich an einer Reihe von Ausstellungen mit moderner Kunst. Ihr Direktor war Alfred Hentzen. Er hatte 1927 in Berlin im Kronprinzenpalais gearbeitet und Edvard Munchs große Ausstellung arrangiert. Und in der Kestnergesellschaft organisierte Hentzen die erste große Ausstellung von Rolf Nesch nach dem Krieg in Deutschland. Dies geschah schon 1949. Ihr folgten Ausstellungen in Hamburg, Stuttgart und München.

Rolf Nesch war in der neuen deutschen Kunst also nicht vergessen, sondern in höchstem Maße zugegen. Und während seine Kunst zunehmend in ganz Deutschland bekannt wurde, kamen auch Erfolgsmeldungen aus den USA. Nesch war 1948 mit dem in Deutschland geborenen Kunsthändler C. Henry Kleeman persönlich bekannt geworden, als dieser auf seiner Suche nach europäischen Talenten nach Oslo gekommen war. Sie verständigten sich auf eine große Separatausstellung von Nesch 1949 in New York. Gleichzeitig führten Kontakte zum Museum of Modern Art in New York dazu, dass das Museum mehrere der jüngsten Arbeiten von Nesch erwarb, u. a. «Heringsfang» und  «Theater in Alta».  Kleeman ergriff die Initiative zu einer breiten Ausstellungstätigkeit in den USA, u. a. in mehreren Museen. Der Erfolg führte dazu, dass Nesch 1950 mehrere Monate in New York wohnte. Ragnhild Hald reiste mit ihm und sie heirateten dort.

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Diese Ausstellung bringt den Künstler Nesch zurück nach Hamburg, wo sein die Kunst erneuerndes Wirken zuerst Furore gemacht hatte. Wir können seine Entwicklung anhand des einfühlsamen Porträts von Gustav Schiefler und des frechen Bildes «Negerrevue», wo alle Details Grenzen überschreiten, verfolgen. Die wenigen Blätter der «Muck»-Serie zeigen die Befreiung des Künstlers von Konventionen. Auch hier arbeitet er an den Grenzen der klassischen Technik. Der große Schritt jedoch geschieht in der Serie «Hamburger Brücken», wo Nesch die Druckplatten auf ganz neue Art und Weise behandelt. Statt Partien von den Platten wegzuätzen, geht er den entgegengesetzten Weg und fügt hinzu, lötet Metallteile, Kupferdrähte, ausgeschnittene Metallteile an.  Diese neue grafische Methode nennt Nesch «Metalldruck». «Metalprint» bzw. «Metalldruck» wurde die internationale Bezeichnung für diese 1932 von Nesch erfundene Methode.

Im Jahr danach kam er nach Norwegen, nach einer Flucht aus Nazideutschland, die wir zumindest im Nachhinein als impulsiv und wenig durchdacht charakterisieren können müssen. Er musste einfach weg. Und seine erste in Norwegen entstandene Serie – «Schnee» – schließt sich « Hamburger Brücken » harmonisch an. Ein neues Land, doch dieselbe grafische Technik. In neuen großen Serien entwickelt er den «Metalldruck» weiter:  von der Lofoten-Fischerei bis hin zum Badeleben um den Oslofjord. In der Serie „Badeszenen“ von 1939/40 ist er offensichtlich von seinen Eindrücken durch die große französische Ausstellung im Januar 1938 in Oslo beeinflusst. Oder vielleicht richtiger gesagt: Er befand sich völlig in Übereinstimmung mit den europäischen Tendenzen.

Diese kleine Ausstellung der Bilder Rolf Neschs aus den Jahren 1930 bis 1950 dokumentiert, dass ihm die Flucht aus Nazideutschland die eigene freie Entwicklung seiner Kunst gesichert hat.

Eivind-Otto Hjelle

Aus dem Norwegischen von Petra Biesalski



Weitere Informationen zu Rolf Nesch erhalten Sie hier.

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